Themenausgabe
Cinegames: Medienkonvergenz und ästhetischer Paradigmenwechsel
Herausgegeben von Stephen M. Norris (Miami University, Ohio, USA) und Vlad Strukov (University of Leeds, UK)
Einsendeschluss: 1 September 2011
In den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis von Film und Computer stark verändert, und es lassen sich zunehmend komplexe Verflechtungen und Interaktionen zwischen den beiden Technologien und Künsten beobachten. Mit den künftigen Weiterentwicklungen in der Film- und Schnitttechnik wird die Konvergenz dieser beiden visuellen ‘Medien’ noch zunehmen: Cyber- und Kino-Narrative, als Modi des Erzählens und der Darstellung, verschmelzen immer stärker miteinander. In der aktuellen Forschung wird insbesondere das narrative Potenzial der Computerspiele hervorgehoben. Eine immer größere Anzahl von Computerspielen ‘erzählt’ historische, politische und gesellschaftliche ‘Geschichten’, die früher für das Kino typisch waren. Filme wiederum dienen als Quelle und Inspiration für populäre Videospiele, während diese ihrerseits als Skripte für Kinoproduktionen genutzt werden. In der Konsequenz widmet sich diese Themenausgabe von Digital Icons der Entstehung von Cinegames, also der Hybridisierung von Film- und Kinoproduktionen auf der einen, Video- und Computerspielen auf der anderen Seite, und zwar in Hinblick auf unseren speziellen regionalen Fokus in Russland, Eurasien und Mitteleuropa.
Wir sind besonders interessiert an, aber nicht begrenzt auf die folgenden Fragestellungen: Welche historischen, politischen und kulturellen Faktoren tragen zur Entstehung von Cinegames in der Region bei? Wie haben Video- und Computerspiele das Kinopublikum geprägt und verändert? Führt die Beeinflussung durch die neuen Spielwelten zur Entstehung einer veränderten Ökonomie der Zeit im klassischen Erzählkino? Wie bereichern wiederum die Imaginationen des Films die Wahrnehmungen und Handlungen der Spieler/-innen? Welche Rolle kommt Fan-Aktivitäten zu, um Verbindungen zwischen Film und Spiel zu schaffen? Welchen Einfluss haben Spiel-Film-Hybride auf das existierende Gattungssystem des Kino? Welches politische Potential ist mit den spezifischen soziokulturellen Praktiken verbunden, die sowohl den Film als auch die Computerspiele miteinander verbinden? Können Cinegames in den Ländern der Region eine kritische Perspektive entwickeln? Welche Rolle spielen sie im Prozess der (Re-)Konstruktion einer nationalen Unterhaltungsindustrie in den post-totalitären Ländern? Wie interagieren diese Spiel-Film-Produkte mit globalen kulturellen Trends und nationalen Traditionen? Ist es möglich den theoretischen Apparat der transnationalen Filmforschung auf die Cinegames in Russland, Eurasien und Mitteleuropa anzuwenden?
Wir freuen uns über die Einsendung von Beiträgen, welche die skizzierten Verbindungen zwischen Film und Computerspielen unter unterschiedlichen Aspekten betrachten: a) der Förderung, Vermarktung und der Rezeption, also zum Beispiel der Nutzung von Websites zur Promotion von Kinoproduktionen und der Verfilmung von Game-Sujets zwecks Vermarktung der jeweiligen Spiele; b) der Frage der Darstellung und der (Re-)Präsentation, d.h. der ästhetischen Orientierung an Computerspielen in Filmproduktionen, zum Beispiel in Timur Bekmambetovs Blockbuster Wächter der Nacht (Nochnoj dozor, 2004) oder Aleksej Popogrebskijs Autorenfilm Wie ich diesen Sommer beendete (Kak ja provel etim letom, 2011); c) der Amateur- und Fankulturen im Netz, d.h. der Rolle, die Blogs und Sozialen Medien für die Konstruktion eines imaginativen Umfelds für die Cinegames zukommt; d) der gesellschaftlichen und historischen Bedeutung des Phänomens, d.h. seiner Funktion für die (Re-)Konstruktion des nationalen Gedächtnisses, wie etwa in dem Online-Projekt S.T.A.L.K.E.R oder in Computerspielen, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen und dafür die Bilderwelten der sowjetischen Kriegsfilme ‘recyclen’; und e) als theoretische Herausforderung für die Filmwissenschaft sowie die digitale und Netztheorie hinsichtlich neuer Erzählmuster und ästhetischer Perspektivierungen (etwa in Aleksandr Sokurovs Film Russische Arche (Russkij kovcheg, 2003), der wie ein Ego-Shooter im Interieur der St. Petersburger Ermitage gedreht ist.)
Richtlinien für die Einsendung
Schriftliche akademische Beiträge in englischer, deutscher oder russischer Sprache sowie Einsendungen in anderen Gattungen, Stilrichtungen und Formen von Wissenschaftler/-innen, Politiker/-innen, Künstler/-innen und Praktiker-/innen aus dem Feld sind willkommen und werden für eine Publikation in Digital Icons berücksichtigt. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage der Zeitschrift http://www.digitalicons.org/forthcoming.html oder wenden sich an den Herausgeber editor@digitalicons.org.