3. Ausgabe: Zwischen Big Brother und digitaler Utopie. E-Governance im posttotalitären Raum
Die dritte Ausgabe von Digital Icons erkundet die Erscheinungsformen elektronischer Partizipation und E-Governance-Praktiken in den Ländern des postsowjetischen bzw. postkommunistischen Raums und setzt dabei einen Schwerpunkt in drei geographischen Gebieten: Mitteleuropa (Slowakei), Russland und Zentralasien. E-Governance wird hier in einem breiten Sinne verstanden, als ein Phänomen mit vielen Facetten, a) das (nicht)regulierte gesellschaftspolitische und kulturelle Praktiken umfasst und damit die öffentliche Diskussion befördert, b) das gesellschaftliche Gruppenbildung erleichtert und c) das schließlich für Transparenz und Verantwortlichkeit von Seiten der offiziellen wie der alternativen Akteure der Macht sorgt.
Im posttotalitären Raum präsentiert sich E-Governance sozusagen als ‚doppelschneidiges Schwert’, als Praxis, die sowohl Vor- als auch Nachteile in sich birgt. Für viele zeichnen sich mit einer Digitalisierung der offiziellen politischen Kommunikation das Ende sinnloser Bürokratie, endlosen Wartens in langen Schlangen sowie der Zugang zu neuen Serviceleistungen ab. Andere sehen dagegen die Expansion des Staates in den virtuellen Raum als Vorboten einer antiutopischen Zukunft des Panoptikums, wo selbst die privatesten Gedanken der Bürger/innen vom omnipräsenten Staat überwacht und aufgezeichnet werden. Die aktuelle Themen-Ausgabe von Digital Icons zielt darauf ab, die Spannung zwischen diesen beiden Extrempunkten zu erkunden.
Die Ausgabe besteht aus drei Sektionen. Die erste Sektion umfasst drei wissenschaftliche Artikel sowie drei argumentative Statements von Aktivisten aus Bereich der Internet-Theorie und Praxis. Annasoltan, eine turkmenische Journalistin, deren Identität nicht offen gelegt werden kann, berichtet über die staatliche Politik im Land, die den Zugang zum Internet reglementiert, und analysiert den alltäglichen Umgang mit der digitalen Kommunikation durch die Menschen selbst. Ihr Beitrag kombiniert politische Analyse und anthropologische Beobachtung und erhellt damit die kulturellen Implikationen des digitalen Wandels in Turkmenistan.
Ivan Ninenko, stellvertretender Direktor von Transparency International–Russia (TI-R) und Projekt-Leiter von AskJournal.ru diskutiert die Interessen und Zielsetzungen der russischen staatlichen Förderprogramme im Bereich der elektronischen Kommunikation zwischen Regierung und Bevölkerung. Seine Anschauungen können exemplarisch stehen für die Bestrebungen der ‚digitalen Intelligencija’, die das russische Internet (Runet) zu einem Ort der technologischen, sozialen und kulturellen Innovation machen will und sich dazu als Mittler zwischen den staatlichen Akteuren und den ‚normalen’ Nutzer/innen des Internet anbietet.
Stephen Coleman theoretisiert viele der Aspekte, die von Annasoltan, Ivan Ninenko sowie den anderen Beiträger/innen aufgeworfen werden, und betrachtet sie aus der Perspektive des Konzepts der elektronischen Teilhabe (e-deliberation) und der Demokratie-Theorie. Er betrachtet „e-deliberation“, also die elektronische Teilhabe der Bürger/innen am gesellschaftlichen Prozess mittels Meinungsbildungs-, Beratungs- und Abstimmungsverfahren, als ein sich neu herausbildendes Feld von Forschung, Technologie, sozialen Praktiken und Politik-Gestaltung. Als solches eröffne es Perspektiven hinsichtlich der Förderung und Vereinfachung von Demokratisierungsprozessen im Internet und anderen Medien der Ära des ‚post’-massenmedialen Rundfunksystems. Coleman nimmt konkrete Web-Anwendungen für elektronische Teilhabe in den Blick und diskutiert die philosophischen Grundlagen von Internet-Interfaces sowie von Software-Programmen, welche die soziale Interaktion zwischen Bürgern und öffentlichen Akteuren online ermöglichen sollen.
Zwei der Artikel, die Beiträge von Erica Johnson und Beth E. Kolko sowie von Anton Shynkaruk, untersuchen E-Governance-Websites in so unterschiedlichen nationalen Kontexten wie den zentralasiatischen Republiken und der Slowakei. Die beiden Untersuchungen kommen zu konträren Ergebnissen bezüglich der Rolle der ‚digitalen Revolution’ in den Regionen und fokussieren in der Konsequenz die herrschenden sozialen und kulturellen Hemmnisse, welche die weitere Entwicklung der Neuen Medien und ihrer partizipatorischen Nutzung in den jeweiligen Ländern bremsen. Die Autor/innen entwickeln anhand ihres Materials Ansätze der Demokratie-Theorie in Bezug auf die Nutzung digitaler Technologien und Internet basierter Kommunikations‚tools’ weiter.
Im Vergleich dazu widmet sich Sudha Rajagopalan einem komplexeren und weniger offensichtlichem Phänomen von E-Governance und E-Partizipation. Die Autorin unternimmt die Analyse der Online-Komponente (Website, Internet-Forum) der russischen Fernseh-Show Das Mode-Urteil (Modnyj prigovor) and stellt die Frage, inwieweit die Zuschauer/innen hier aktiv an der Artikulation der kulturellen Ideale der Show teilnehmen, insbesondere solcher zu Fragen von Weiblichkeit und Individualität. Und sie kommt zu dem Schluss, dass das Online-Publikum die Vorgaben der Show an die Realität, so wie es selbst sie versteht, aktiv anpasst. Rajagopalans Artikel ist auch insofern ein wissenschaftlicher Beitrag von großer Aktualität, als er den Prozess der Medien-Konvergenz in der Russischen Föderation dokumentiert – ein Phänomen, dessen rasante Entwicklung noch vor fünf Jahren, als das Internet auch in Russland in quantitativer Hinsicht zu einem Massenmedium wurde, noch niemand vorausgesehen hat. Damit illustriert ihre Analyse die Schnelligkeit, mit der sich technologische und soziokulturelle Entwicklungen in einem post-totalitären Staat vollziehen, wo der Einzelne nun effektiv verschiedene Formen kulturellen Bürgertums ausagieren kann.
Die zweite Sektion der Ausgabe präsentiert Konferenzberichte und Kommentare, die einen Überblick geben über die Entwicklungen im Forschungsfeld „Neue Medien“ und im Einzelnen zu digitalen Kunst-Praktiken, online Fan-Kulturen und der digitalen Industrie in Russland, von deren Entwicklung einige jüngst gestartete Film-Projekte zeugen. Aus den Beiträgen der zweiten Sektion wird deutlich, dass 1) nach der E-Revolution in den Staaten des ehemaligen Ostblocks nun eine umfassende Revision der Medienlandschaft in den post-totalitären Staaten (über)fällig ist, 2) sich das Feld der Area Studies weiterentwickeln wird, um die neuen Formen der Kommunikation und der kulturellen Produktion, einschließlich digitaler und web basierter Projekte und Praktiken, zu integrieren, und 3) diese Entwicklungen und Phänomene einen neuen Thesaurus von Terminologien und Konzepten erfordern, der auch den Kontext der posttotalitären Staaten mit berücksichtigt.
Die dritte Sektion präsentiert Buchrezensionen, namentlich von zwei Publikationen, nämlich Rethinking Curating: Art After New Media von Beryl Graham und Sarah Cook sowie Access Controlled: The Shaping of Power, Rights, and Rule in Cyberspace, herausgegeben von Ronald Deibert, John Palfrey, Rafal Rohozinski und Jonathan Zittrain. Die rezensierten Veröffentlichungen erweisen sich aufgrund der folgenden Charakteristika als relevant für die aktuelle Ausgabe von Digital Icons: 1) Sie erkunden die Themen von E-Governance, Überwachung und der Präsentation von digitalen Objekten in zwei unterschiedlichen Bereichen: dem Politischen und dem Kulturellen; 2) Sie vergleichen und kontrastieren zwei Typen von Akteuren und politischen Institutionen: den Politiker und die Regierung einerseits und den Kurator und das Museum andererseits; und 3) Sie erweitern sinnvoll die Thematik der Sektion 2, die ihrerseits Analysen der Internet-Nutzung in Eurasien präsentiert und den Leser über aktuelle digitale Kunst-Ausstellungen informiert.
In Ganzen will die aktuelle Ausgabe von Digital Icons damit eine systematische Erkundung von E-Governance und E-Partizipation in der Region leisten, unter Einbeziehung sowohl von politischen als auch von kulturellen Manifestationen des Phänomens. Die Beiträger/innen greifen die aktuellen Diskussion um Regulierung und (Selbst)Regulierung im Netz auf, sie analysieren alternative Plattformen und Formen der ‚Graswurzel’-Kooperation und der elektronischen Teilhabe (e-deliberation).